VOX extra – "Wiedergewinnung der Kemper-Orgel." Sonderausgabe des Gemeindebriefs „Vox Jacobi“ der Jacobi-Kirchengemeinde Hamburg.

 

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Einige Gedanken zum Konzept der Wiederherstellung der Kemper-Orgel in
St. Jacobi
von Rudolf Kelber (Auszug):

(...)
Klangkorrektur bei Beibehaltung des Systems

Dies ("Die Obertöne werden aus Teiltönen zur Hauptsache, die Obertonpyramide wird zum Obelisk, der Klang wird nicht von der Basis zusammengehalten.") behutsam aber entschieden zu korrigieren, war eine Aufgabe der Wiederherstellung, die sich aber ansonsten als pietätvolle Maßnahme versteht und beispielsweise den alten Spieltisch und auch das Taschenladen-System beibehalten hat. Hier hat sich mal wieder Geldmangel als der beste Denkmalsschützer erwiesen, und künftige Studentengruppen können in St. Jacobi nicht nur das bedeutende Orgeldenkmal, sondern auch noch eine Taschenladen-Orgel mit dem klassischen Spieltisch der 60er Jahre besichtigen. Natürlich ist es für die Orgelbauer kein Vergnügen, mit Windladen aus Pressspan zu arbeiten, an dem sich eine Generationen von Kollegen mutmaßlich vergiftet hat - ist das Material doch unter Zuhilfenahme aller erdenklicher Lösemittel gegen den Verfall stabilisiert. Die Materialqualität der Pfeifen einiger, aber tatsächlich nur weniger Register lässt doch zu wünschen übrig. Es gibt neben Zinn, Kupfer und Orgelmetall auch Walz-Zinn und Zink als Pfeifenmaterial. Aber in der Regel sind Material und Verarbeitung gut. Zudem geben die Pfeifen doch mehr an Klang her, als Kemper von ihnen verlangt hat. Bei den Arbeiten, die die Rainer Wolter mit seiner Werkstatt in den vier Monaten von Mitte Januar bis Mitte Mai durchgeführt hat, wurden, wo es angezeigt schien, Maßnahmen getroffen, um die Klangbasis zu erweitern, den Ton zu runden, den Grundton gegenüber den Obertönen zu stärken. Namentlich die Register Gedackt 8’ und Flöte 4’ (OW), Gedackt 16’ (SchW) und die Prinzipale des Hauptwerks haben davon profitiert. Die Beratung durch den Berliner Orgelbausachverständigen Eckhard von Garnier, dem an dieser Stelle herzlich gedankt sei, brachte ein Fülle von Änderungsanregungen, die im Rahmen der Maßnahme nicht alle umgesetzt werden konnten.
Immerhin ist aber der Gewinn einer Fugara 8’ im Oberwerk, eines Cornet composé im Hauptwerk (Quinte 2 2/3 und Terz 1 3/5) aus dem bestehenden Mixtur- Material zu verzeichnen. Der Nasat 2 2/3 des Hauptwerks wanderte ins Schwellwerk, wo er besser aufgehoben ist. Dafür wurde die None 8/9’ geopfert. Als letzter Zeuge der Spitze der neobarocken Klangpyramide blieb aber – in Piccolo umbenannt – der 1/2’ im Schwellwerk erhalten. Eine schöne Idee – sie geht ursprünglich auf John Chapman (Organist-Assistent bis 1989) zurück - war es, die Suvoalflöte im Hauptwerk als Schwebungsregister zu stimmen. Erfreulich, dass die Pfeifenlängen sogar eine Unterschwebung hergaben (Unda maris 8’).

Kemper-Orgel im Bau
Hauptteil der Kemper-Orgel
eingerüstet
Oberwerk
Hauptwerk
Schwellwerk
(hinter der runden Öffnung)
Pedalwerk ohne Prospekt

Die wichtigste Maßnahme aber war eine grundsätzliche Neuplafondierung der Mixturen. Im Vorzustand waren besonders diese Mixturen (HW und OW) viel zu hochchörig disponiert und verbanden sich überhaupt nicht mit dem restlichen Klang. Sehenden Auges wurden von insgesamt sieben Mixturen zwei geopfert, dann wurde einvernehmlich ein neues Gesamtkonzept entwickelt, das von einer Tieferlegung im Hauptwerk und Oberwerk ausgeht. Die 6-8fache Großmixtur des Hauptwerks beginnt jetzt auf 2’ und hat in der dreigestrichenen Oktave 8’ und 5 1/3’. Darüber liegt ein Scharff 4f. auf 2/3. Das Oberwerk hat jetzt statt des vorherigen Scharff und der Zwergzimbel nur noch eine auf 1’ beginnende „Acuta“ 5f., also eine Terzmixtur. Die Repetitionspunkte sind so raffiniert versetzt, dass bei Benutzung aller dieser drei Mixturen überhaupt kein Repetitionspunkt zu hören ist.
Dies ist Verdienst der Arbeit von Eckhard von Garnier, der im Turm Tage, nein Wochen lang Pfeifen sortiert, beschriftet und, wo es geraten war, für das Abschneiden vorbereitet hat. Seine Ideen und sein handgreiflicher Einsatz haben Wesentliches für die Verbesserung des Klanges beigetragen.
Da die neue „Acuta“ 5f. auf den Stock der früheren Zwergzimbel 5f. passte, konnte auf den Stock des Scharff per Überstock die neu gewonnene Fugara platziert werden. Ein besonderer Akt der Pietät ist der Einbau der Flachflöte 2‘, die 1924-1989 in der Schnitger-Orgel stand, ins Seitenwerk. Dieses von Kemper 1924 gebaute Register wurde 1989 von Jürgen Ahrend - als Zusatz des 20. Jh. - nicht für würdig erachtet, in der restaurierten Arp-Schnitger-Orgel mitzuspielen. Nun darf der Kemper Jahrgang 1924 in dem Instrument von 1960 als Mitglied der Blasmusik-Seniorengruppe mitpfeifen und tut das mit erstaunlicher Klangfülle und Brillanz.
Die Grundstimmen der Kemper-Orgel klangen eigentlich schon immer ganz passabel, abgesehen davon, dass es keine wirklich singenden Prinzipale gab. Aber die Flötenklänge mussten sich nicht verstecken. Dagegen waren die Zungenstimmen aus der ersten Bauphase fast alle indiskutabel. Alle Orgelbauer- und Sachverständigen-Gutachten des ersten Anlaufs vor 5 Jahren waren darin einer Meinung: Die vier Zungenstimmen von Hauptwerk und Pedal seien in Materialund Klangqualität nicht annähernd brauchbar und müssten ersetzt werden. Deshalb ist es ein Geschenk, dass die frühe Sicherstellung der Finanzierung der Grundsanierung noch den Freiraum geöffnet hat, diesen Teil der Klangverbesserung vorzunehmen. Zuerst wurde die ehemalige Oboe des Oberwerks mit Messingauflagen für die Kehlen saniert, dann nach genauen Maßangaben 4 Zungenregister nachgebaut, von denen die 16‘ - Register nur halbe Becherklänge in der unteren Oktave aufweisen. Mehr Höhe gibt das Gehäuse nicht her. Die übrigen Zungen aus 1960 konnten gehalten werden, jedoch wurde die ehemalige Trompette harmonique (SchW) in Oboe umgetauft, die Oboe (OW) in Schalmei. Das entspricht den tatsächlichen Klangverhältnissen weit mehr und weckt keine falschen Erwartungen. Die 2 Zungenregister im Seitenwerk — 1968 von einer nicht bekannten Drittfirma gebaut — waren als akzeptabel und intonierbar eingestuft und sind selbstverstä ndlich gehalten worden. Das Xylophon mit dem alten Namen „Hölzern Gelächter“, das ursprünglich aus einer Kino-Orgel stammt - vor einigen Jahren Millionenfrage bei Günter Jauch - hat ebenfalls seinen Platz behalten.
Unterm Strich hat die Orgel in der neuen Disposition mit 66 Stimmen zwei Register weniger als 1968. Die Posaune 32‘ mit ihren außenstehenden, aber viel zu kurzen Holzbechern wurde bereits 1992 beseitigt, damals, um keine Konkurrenz zum Schnitger-Prospekt zu entwickeln. Die Mixtur des Seitenwerkes fä llt jetzt samt Lade weg und hat Platz gemacht fü r das Kornett. An der Stelle der Posaune wäre für die Zukunft noch ein Fagott 32‘ oder ein anderes voll klingendes, aber natürlich nicht die volle Länge beanspruchendes Zungenregister wünschenswert.
Drei Manualregister (8‘ 4‘ 2‘ ) sind übrig geblieben und könnten den Grundstock bilden für eine Chororgel zur Begleitung von kleinen Gottesdiensten im Chorraum.
 

Mit freundlicher Genehmigung der Kirchgemeinde St. Jacobi.  

Originale Quelle: www.jacobus.de/kirche/default.htm

Zur Kemper-Orgel: http://www.jacobus.de/neu/content/kemper.html

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